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  • Mina Schmidt

Bio oder konventionelle Baumwolle? Die Gretchenfrage

Bio oder konventionell – ist eine entscheidende Frage beim Thema Baumwolle. Gütesiegel können wichtige Guidelines sein, die uns in der Fülle an Textilien helfen, die bessere Kaufentscheidung zu treffen. Aber Siegel für vermeintlich bessere Produkte gibt es viele, insbesondere für den Rohstoff Baumwolle, der wie kaum ein anderer für den Wandel der Kleidungsindustrie hin zu mehr Nachhaltigkeit steht. Unterschiedliche Siegel setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Einige können auch dann vergeben werden, wenn konventionelle statt Biobaumwolle verwendet wurde, andere „schauen ausschließlich auf einen bestimmten Aspekt der Lieferkette, zum Beispiel Produktionsstätten wie Nähereien“, erklärt Heike Hess vom Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN). Der IVN zertifiziert beispielsweise ab der Faser, hier wird Bio in der gesamten Lieferkette garantiert: „Die Bio-Zertifizierung der Rohfaser durch bereits vorhandene effektive Kontrollsiegel ist eine Voraussetzung, um in das IVN-Standard-System einsteigen zu können“, so Hess. Der IVN-Standard IVN Best gilt auf dem Markt als eines der strengsten Siegel für Naturfasern wie Baumwolle.

Hände voller Baumwolle
Foto: Cotton made in Africa

Der IVN ist eine der vier internationalen Mitglieds- und Gründungsorganisationen für den Global Organic Textile Standard (GOTS) - den wohl bekanntesten unter den Baumwoll-Standards. Er basiert auch auf dem IVN-Standard, aber es gibt Unterschiede zwischen den Beiden. Diese bestehen in den Parametern, die an die Textilien angelegt werden. So sind IVN Best-Zertifizierungen nur bei 100 Prozent biologischen Naturtextilien möglich. „Für ein GOTS-Siegel reichen 70 Prozent Biofasern“, erklärt Heike Hess einen der wesentlichen Unterschiede. Darüber hinaus erlaubt IVN Best keine Zugabe von Elasthan und bei der Färbung dürfen einige Chemikalien nicht eingesetzt werden. „Das verkleinert die Range an Farben, die angeboten werden können“, räumt Hess ein. Für Konsument:innen ist GOTS-zertifizierte Kleidung also häufig die zugänglichere Wahl.


Neben GOTS und IVN Best zertifiziert der Organic Content Standard (OCS) der Non-Profit-Organisation Textile Exchange zertifiziert ebenfalls biologisch erzeugte Produkte und Fasern wie Biobaumwolle. Durch unabhängige Prüfungen wird genau gekennzeichnet, wie viel Prozent ökologische Materialien in dem Produkt enthalten sind. Mit dem Siegel Organic 100 wird ein Bioanteil von mindestens 95 Prozent garantiert.


Portraitfoto von Tina Stridde
Tina Stridde von der Aid by Trade Foundation.

Es muss nicht immer bio sein – Cotton made in Africa


Andere Siegel und Standards, wie zum Beispiel Cotton made in Africa (CmiA), gehen einen anderen Weg. Eine CmiA-Zertifizierung kann trotz des Einsatzes von Pestiziden im Baumwollanbau – wenn auch in einem klar regulierten Rahmen – erfolgen. Tina Stridde von der Aid by Trade Foundation, die hinter dem CmiA-Siegel steht, erklärt, der erlaubte Einsatz von Chemie und Pestiziden habe einen einfachen Grund: „Baumwolle ist für Schädlinge sehr attraktiv. Der Schutz der Pflanzen und damit verbunden die Absicherung der Ernteerträge und das Einkommen der Bauern und ihrer Familien ist für Cotton made in Africa ein wichtiges Anliegen, um den Kleinbauern dabei zu helfen, mit den Einnahmen aus den Baumwollverkäufen die Lebensbedingungen ihrer Familien zu verbessern.“

Gleichzeitig sind für die Nutzung von Pestiziden umfassende Schulungen notwendig, damit Landwirt:innen ihre Felder so effektiv und umweltschonend wie möglich bewirtschaften können. Interessant seien in diesem Bereich die Ergebnisse der Arbeit von CmiA über die Jahre, so zum Beispiel der erfolgreiche Einsatz von lokal produzierten Bio-Pestiziden. Diese seien für die Bauern einfach verfügbar und preiswert sowie weniger gefährlich für Mensch und Umwelt. Sie werden unter anderem aus Solanum-Früchten, also Nachtschattenpflanzen, gewonnen.


„Der Schutz der Pflanzen, die Absicherung der Ernte und somit das Einkommen der Bauern und ihrer Familien ist für Cotton made in Africa ein wichtiges Anliegen.“ Tina Stridde von Aid by Trade Foundation

CmiA fördert aber auch Bestrebungen von Baumwollfarmer:innen auf dem Weg zu einem komplett biologischen Anbau, mit dem eine CmiA Organic-Zertifizierung erreicht werden kann. Weil es dafür ein umfassendes Infrastruktursystem braucht, fallen zusätzliche Kosten für lokale Partner:innen an. Eine Zertifizierung mit dem regulären CmiA-Logo sei für die Menschen vor Ort aber bereits eine enorme Verbesserung. Insgesamt kommt dieser nicht perfekte aber doch pragmatische und niedrigschwellige Ansatz sehr gut an. „Während 2020 der Anteil CmiA-zertifizierter Baumwolle bei dreißig Prozent der afrikanischen Baumwollproduktion lag, konnten wir diesen in 2021 auf rund vierzig Prozent weiter steigern“, gibt Tina Stridde von CmiA als Erfolgsbilanz an.


Drei Frauen vor einem Haus und zwei lehnen in einem Fenst.
Eine Gesundheitsstation gefördert durch Cotton made in Africa.

Better Cotton Initiative – Die nachhaltigere Variante


Auch das Better Cotton Initiative-Siegel (BCI) gestattet den Einsatz von Pestiziden. Initiiert von Brands wie Adidas und H&M sowie NGOs ist BCI schnell zu einem der größten Siegelgeber auf dem Markt geworden. Die Initiative gilt aber als weniger transparent und umfassend im Vergleich zu anderen. Kritiker:innen meinen, die BCI-Zertifizierung könne im Zweifelsfall dazu führen, dass weniger Biobaumwolle angebaut wird, als möglich wäre, weil vielen Unternehmen das BCI-Zertifikat ausreiche. Statt sich also den strengeren Standards anderer Siegel wie GOTS zu verpflichten, haben Unternehmen in BCI ihre eigenen, niederschwelligen Standards geschaffen, so der Vorwurf. Laut einer Dokumentation von 2020 des deutschen Senders zdf, ist die Zertifizierung im Produkt, die den Konsument:innen signalisieren soll, es handle sich um nachhaltige BCI-Baumwolle, wenig wert. Das liege beispielsweise an dem zulässigen Mengenausgleich der im Produkt verwendeten Baumwolle. In der Spinnerei werde BCI-Baumwolle mit anderer konventioneller Baumwolle vermischt. Im Klartext: Niemand weiß, wie viel BCI-zertifizierte Baumwolle in einem als solches deklarierte T-Shirt steckt.


2020 hatten 12% der weltweit angebauten Baumwolle das BCI-Siegel. Bis 2022 wurde ein Wachstum auf 30% prognostiziert. Quelle: ‚Schmutzige Baumwolle – Sklaven der Textilindustrie‘, eine Dokumention von zdf-info

Man sieht Hände, die an einer Nähmaschine nähen.
Näherin in einer GOTS-zertifizierten Fabrik.

Warum nachhaltiger nicht nachhaltig ist


Juliane Ziegler vom GOTS warnt vor „reinen Self-Claims“ und Greenwashing in der Textilindustrie. Weil diese mehr und mehr Verbreitung fänden, werden Standards wie der GOTS, „der auf solide Kriterien und unabhängige Überprüfung entlang der gesamten Lieferkette setzt und dazu beiträgt, den Markt für echte Bio-Textilien auszubauen“ immer wichtiger. Ein Anstieg von 17 Prozent GOTS zertifizierter Betriebe allein im deutschsprachigen Raum im Jahr 2021 bestätigt sie. Für Ziegler ist konventionelle Baumwolle allgemein kein Modell mehr für die Zukunft: „Wir sehen eher, dass Biobaumwolle ein großes Potential hat. Es ist kein Exklusivthema mehr, sondern wird in vielen Bereichen der Industrie eingesetzt. Viele Marken und Multi-Stakeholder-Initiativen haben sich zur Umstellung auf Biobaumwolle verpflichtet. Da der Markt nachfrageorientiert ist, ist dieses Engagement von entscheidender Bedeutung“. Das wachsende Interesse an biologischer Baumwolle beobachtet sie aber zusätzlich an anderer Stelle: „Es gibt auch immer mehr landwirtschaftliche Projekte, die von konventionell auf bio umstellen und teilweise von ihren Staaten unterstützt werden“. Auch GOTS unterstütze zusätzlich mit einem Umstellungssiegel, um Landwirt:innen den Übergang zu erleichtern.


„Immer mehr Hersteller und Brands entscheiden sich aktiv für Nachhaltigkeit und Transparenz, was auch der Anstieg GOTS zertifizierter Betriebe alleine in der deutschsprachigen Region, von 17% in 2021 zeigt.“ (Juliana Ziegler von GOTS)

Heike Hess sieht die Menge an verschiedenen Baumwollsiegeln zunächst positiv und möchte pauschal kein Greenwashing unterstellen. Aber natürlich seien einige Maßnahmen effektiver als andere und führten zu transparenteren Zertifizierungsprozessen. Beispielsweise kommt es darauf an, ob eine Marke sich eigene Standards auferlegt und diese auch selbst kontrolliert oder ob sie mit externen Anlaufstellen und Prüfer:innen zusammenarbeitet. Am kritischsten ist Hess bei dem ersten Schritt in der Textilproduktion, dem direkten Anbau der Baumwolle. „Das Licht an dieser Stelle ist, dass die Bäuer:innen eine Unterstützung erhalten und sich ein Bewusstsein entwickelt. Das muss man ganz klar so festhalten. Aber die vielleicht nicht ganz unabhängigen Siegelgeber könnten mit ihren nicht so strengen Standards mehr tun. Ein Ausruhen auf dem Erreichten genügt nicht“.