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  • Cynthia Blasberg

Hessnatur - Ein Interview mit Kristin Heckmann

Hessnatur hat mit Nature Shell ein innovatives Naturfaser-Material mit Eco Finish lanciert, das mittlerweile preisgekrönt ist. Der Eco & Fair Fashion Pionier verzichtet konsequent auf synthetische Fasern. Selbst Elasthan wird nach und nach ausgeschlichen. Wir haben mit Kristin Heckmann, Chief Sustainable Officer, über die Stärken von Wolle, Plastikfreiheit und den ‚Innovations for Tomorrow‘-Award gesprochen.

Zwei Models in Denim am Meer bei Ebbe.
Denim aus Hanf von Hessnatur.

Zunächst einmal: Gratulation zum German Brand Award 2022 und dem Red Dot Award in der Kategorie Product Design 2022 für euer Nature Shell mit Eco Finish. Das neue Material ist frei von synthetischen Fasern wie beispielsweise Polyester und umweltschädlicher Ausrüstung, wie sie insbesondere bei Outdoor-Bekleidung oft verwendet wird. Was genau zeichnet Nature Shell aus?

Vielen Dank. Wir haben uns auch riesig über die Auszeichnungen gefreut. Nature Shell ist ein exklusives für Hessnatur entwickeltes ökologisches Material mit nachhaltiger Imprägnierung. Besonders innovativ ist die windabweisende und regenabperlende Rezeptur in Kombination mit der ultradicht gewebten Biobaumwolle. Solch spezielle Webtechniken sind bislang nur im synthetischen Bereich bekannt. Außerdem finden bei den Nature-Shell-Produkten keine chemische Hochveredelungen (Fluorcarbone) statt und es wird anders als bei konventionellen Outdoorjacken komplett auf den Einsatz von Plastik verzichtet.

Portrait von Kristin Heckmann
Kristin Heckmann, Chief Sustainable Officer bei Hessnatur.

Hessnatur zählt zu den Pionier:innen von Eco & Fair Fashion in Deutschland. Naturfasern spielen für euch eine zentrale Rolle, auch bei Funktionsbekleidung etwa Trekking, Wanderungen und weitere Sportarten. Welche Herausforderungen stellen sich euch dabei durch den Verzicht auf Synthetik? Welche Art Ausrüstung verwendet ihr?

Eine große Herausforderung ist, das Bewusstsein der Menschen für das Thema Nachhaltigkeit und Naturtextilien zu schärfen. Schurwolle ist beispielsweise eine natürliche super High-Tech-Faser, denn Schurwolle ist temperaturausgleichend und hält warm, ohne uns ins Schwitzen zu bringen. Außerdem wirkt sie geruchsneutralisierend und schmutzabweisend, was sie besonders pflegeleicht macht. Ein weiteres Nachhaltigkeitsplus: Als reines Naturprodukt ist Schurwolle kreislauffähig. Das bedeutet, unbehandelte, naturbelassene Wolle ist biologisch abbaubar. Wir machen uns diese natürlichen Eigenschaften in unseren Produkten zu Nutze und profitieren von der Funktionalität - ganz ohne chemische Hochveredelung und synthetischen Fasern wie sie konventionell zum Beispiel bei Outdoorjacken üblich sind. Natürlich stoßen wir hier hin und wieder auch an unsere Grenzen. Aber auch das nehmen wir als Chance, um immer besser zu werden.

Modell in blauem Parka, Jeans und Pulli.
Plastikfrei: Parka aus der Natur-Shell-Kollektion mit Eco Finish.

Viele Green Fashion Brands, die auch glaubhaft nachhaltig agieren, setzen Materialien wie recyceltes Polyester, PET oder auch biobasiertes Nylon und weitere ein. Aus welchen Gründen verzichtet Hessnatur darauf vollständig? Und gibt es auch Grenzen der Funktionalität, zum Beispiel einen wasserresistenten Regenmantel?

Natürlich gibt es auch Grenzen. Plastik ist zu 100 Prozent wasserabweisend, aber null Prozent atmungsaktiv und setzt Mikroplastik frei. Die Meeresverschmutzung durch Mikroplastik ist zu 35 Prozent auf synthetische Kleidung zurückzuführen. Wir finden das erschreckend und höchst alarmierend. Das Bewusstsein der Verbraucher:innen rund um das Thema Plastik wächst jedoch zum Glück immer mehr. Viele achten schon beim Einkauf im Supermarkt darauf, weniger Plastik zu kaufen. Dabei vergessen wird aber oft, dass wir Plastik viele Stunden am Tag direkt auf der Haut tragen oder sogar darin schlafen – zum Beispiel in Form von Polyester, Polyacryl oder anderen erdölbasierten, synthetischen Materialien. Dem setzen wir nachhaltige Naturfasern entgegen und bieten damit eine echte Alternative zum Wohlfühlen. Um ganz genau zu sein: 99,6 Prozent unserer Fasern haben einen natürlichen Ursprung. Die übrigen 0,4 Prozent stecken wir in Elasthan, da wir die Funktionalität unserer Naturfasern in einigen Fällen noch unterstützen müssen. Aber auch hier arbeiten wir intensiv an weiteren Alternativen, wie beispielsweise Coreva. Unser Ziel ist es, komplett auf natürliche Fasern umzustellen.

Modell am Strand mit Jeans und weißer Bluse.
Kapok-Jeans von Hessnatur.

Apropos Coreva: Auch eure Jeans sind auf dem Weg in die ‚Plastikfreiheit‘, in dem ihr Elasthan bei einigen Modellen durch Coreva ersetzt habt. Darüber hinaus finden sich in den Denim Kollektionen Materialmischungen aus Biobaumwolle mit Hanf, Kapok oder auch Leinen. Wie ist die Akzeptanz eurer Kund:innen auf neue Materialmischungen? Und wie viel unternehmerisches Risiko geht Hessnatur ein, immer wieder neue Materialmischungen anzubieten?

Wir wollen zeigen, welche Vielfalt die Natur bietet. Das ist bei Hessnatur in der DNA verankert. Und wir stehen für Fortschritt und Innovation. Wir empfinden es nicht als unternehmerisches Risiko, immer wieder neue Wege zu gehen, sondern als Notwendigkeit. Wir machen das für uns und unseren Planeten. Dabei ist es uns wichtig die Menschen abzuholen und für die Vielzahl an nachhaltigen Naturfasern und deren Möglichkeiten zu begeistern. Unsere Kund:innen sind sehr aufgeschlossen, was neue Materialmischungen angeht. Zudem interessieren sie sich für die dahinterstehenden Geschichten.

Modell im Portrait trägt schwarze Jeansjacke.
Black Denim Jacke mit Coreva statt Elasthan.

Ihr seid nicht nur selbst Preisträger:innen, sondern verleiht selbst einen Preis, den ‚Innovations for Tomorrow‘-Award. Die Auszeichnung ist an innovative Start-ups gerichtet, die Lösungen – auch auf der Materialebene – für die Textilbranche suchen und entwickeln. Es haben drei Unternehmen gewonnen, die sehr unterschiedliche Ideen haben: Kreislaufwirtschaft, Transparenz der Wertschöpfungskette und veganes Leder. Plant ihr mit den Start-ups in Zukunft zusammenzuarbeiten?

Die positive Resonanz auf die vielen Einreichungen für unseren Award hat uns wirklich überwältigt und natürlich total gefreut. Es ist toll zu sehen, wie viele Gründer:innen sowie junge Unternehmen nachhaltige, innovative und visionäre Lösungen für die Herausforderungen der Textilbranche von heute und morgen bereitstellen. Natürlich führen wir mit den Start-ups Gespräche. Nicht nur mit den drei Gewinner:innen. Denn wir sind überzeugt, dass wir gemeinsam einfach mehr erreichen können. Wir sprechen zum Beispiel mit Lovr über das vegane und plastikfreie Leder. Das ist eine super Entwicklung, die wir gerne ausprobieren. Gerade sind wir dabei erste Tests zu machen.


hessnatur.com